Grußworte - Greetings

Pfr. Dr. Andrea M. Bianca

Vizepräsident des Kirchenrats der Reformierten Kirche Zürich / Vice President of the Reformed Church of Zürich, Member of the Council

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Wenn Kirche sich nicht verändert, riskiert sie ihre Relevanz zu verlieren. Die Reformierte Kirche Zürich ist 500 Jahre nach der Reformation gerade daran, wieder eine eccclesia semper reformanda zu werden. Dazu gehört, das Evangelium in allen Lebenswelten mit passenden Worten, Bildern und Klängen zum Ausdruck zu bringen. In einer empirischen Studie hat sich die Zürcher Landeskirche aufweisen lassen, wie unterschiedlich Menschen heute in ihren Lebenswelten ihr Leben gestalten, ihre Erfahrungen und ihren Glauben zum Ausdruck bringen. Dabei zeigt sich: Zum einen hat sich die Kirche zu sehr auf vertraute Gefilde zurückgezogen. Und zum anderen: Jazz ist mehr als eine Musikrichtung. Jazz ist ein Lebensstil, eine Lebensform, eine Lebenwelt. Und als solche spricht Jazz sie seine eigene lebensweltliche Sprache. Dann und wann wird das in Jazzgottesdiensten zum Klingen gebracht. Zu selten und zu wenig konsequent, sind die Promotoren von bluechurch überzeugt. Der Zürcher Kirchenrat unterstützt die Promotoren in ihrer Vision, spezifische Formen von bluechurch an bestimmten Orten zu entwickeln. Er ist gespannt darauf, ob damit wirklich neue «lieux d’église» entstehen, in denen Menschen, zu deren Lebenswelt der Jazz gehört, sich am richtigen Ort wissen, vielleicht sogar zu Hause fühlen, und sich so als community erfahren. Gesucht sind Verbindungen von Religion und Musik, in welchen die Kommunikation von «Glauben wollen» und «Leben können» auf einer tieferen, musikalisch geprägten Ebene gelingt. In diesem Sinn begrüsst der Kirchenrat die Schaffung des Labels bluechurch und freut sich mit den Promotoren über die Lancierung der Homepage als unabdingbares Kommunikationsmittel. Er ist beindruckt, dass sich zum Zeitpunkt von deren Aufschaltung bereits um die fünfzig Mitglieder aus zehn Ländern registriert haben. Er ist erfreut, dass sich dabei kirchennahe Jazzleute und jazznahe Kirchenleute die Waage halten. Und er wünscht bluechurch viele lebensförderliche Überraschungen. Mögen sich in diesen Überraschungen auch glaubensförderliche Formen von Kirche entdecken lassen.

Zürich, am 16. Dezember 2017

Dr. Horst Gorski

Leiter der Amtes der VELKD und Vizepräsident im Kirchenamt der EKD / Head of the office of the VELKD, Vice President of the office of the EKD

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 (DE siehe unten)

Making music is a behaviour with transcendent tendencies. Musicians go beyond themselves, beyond the visible and the audible, and come to a glimpse of what life could be: Larger, more beautiful, more human than everyday life. Making music is ecstasy, going out of oneself, but it is also introspection, seeing and hearing.
In music-making, the body, soul and mind create with the order of sounds the realization that the world is ultimately all right. For the cosmos of sounds is order and beauty. Music gives life and rhythm and form. But then there are the "blue notes”. They are used in in jazz and blues. They are out of order. There are "inter-tones" between the halftones of the chromatic scale , which is customary in Europe. They break the order, they squeal and crunch. Many people feel that they sound melancholic. One can hear in them the "groaning of  creation" of which Paul writes. When the third is heard between minor and major, it is neither exactly. It is questionable whether the world is in order. "Blue" seems to be the colour of the "in between". The "Blue Hour" is the hour between day and night, the hour of dawn, when the blue sky becomes even more blue in a very particular way. On "Blue Monday” only half of the day was used for labour. Now it is used to mean an unauthorized day, somewhere in between a free day and a workday.
"Blue Church" - these are the services of "blue notes", of jazz and blues. These will be mostly worship services at the "blue hour", in the evening. Worship services that fall out of the ordinary, that break the order and break with tradition. Jazz lives from the balance of order and improvisation. Without the order of the beat and harmonic sequence, the collective music making would fall apart. Without improvisation, a spirit of spontaneity, ecstasy and introspection would be missing. One does not have to exaggerate the interpretation, but it could be said: On the cross of Jesus Christ the order of this world broke. This fragility forms the "blue notes" and the "Blue Church".
It is questionable whether our world is in order. The reasons that raise this question are falling in front of our feet and across our screens into our living rooms. It is right to celebrate worship services that illustrate this condition. They will have their fans - I hope so! - but they will also provoke. They should! Maybe we will have to protect them from those who prefer the usual order. But they will also protect us with their spirit. They will protect us from the illusion that the world is all right.
Making music is a behaviour with transcendent tendencies. In "Blue Church" services, people will go beyond and into themselves. In music, the children of God cry for the presence of their salvation. And so it should be. I wish this experience and many more blessings for all who perform, celebrate, sing, speak, listen and pray in the "Blue Church"!

Hannover, im Dezember 2017

Musizieren ist ein Verhalten mit transzendenter Tendenz. Wer musiziert geht über sich hinaus, über das Sichtbare, auch über das Hörbare und rührt an eine Ahnung, was das Leben sein könnte. Größer, schöner, menschlicher als der Alltag. Musizieren ist Ekstase, aus sich herausgehen, aber auch Introspektion, in sich hineinsehen und hören.
Im Musizieren gestalten Körper, Seele und Geist in der Ordnung der Töne die Einsicht, dass die Welt letztlich in Ordnung ist.2 Denn der Kosmos der Töne ist Ordnung und Schönheit. Musik gibt dem Leben und Rhythmus und Halt. Doch dann sind da die “blue notes“, „blauen Noten“. Sie werden im Jazz und Blues verwendet. Sie fallen aus der Ordnung. Es sind „Zwischentöne“ zwischen den Halbtönen der in Europa üblichen Zwölftonreihe. Sie sprengen die Ordnung, quietschen, knirschen. Viele empfinden es so, dass sie melancholisch klingen. Man kann darin das „Seufzen der Kreatur“ hören, von dem Paulus schreibt. Wenn die Terz zwischen Klein und Groß erklingt, ist es weder Moll noch Dur. Da wird fraglich, ob die Welt in Ordnung ist. „Blau“ scheint in unserem Sprachgebrauch die Farbe des „Dazwischen“ zu sein. Die „Blaue Stunde“ ist die Stunde zwischen Tag und Nacht, wenn es dämmert und der sowieso blaue Himmel auf ganz eigentümliche Weise noch blauer wird. Der „Blaue Montag“ war ein Tag, an dem nur halb gearbeitet wurde. Jetzt ist es im Sprachgebrauch ein unerlaubt frei genommener Tag, auch irgendwie dazwischen, zwischen wirklich frei haben und arbeiten.
„Blue Church“ – das sind Gottesdienste, in denen „blaue Noten“ erklingen, Jazz und Blues. Es werden überwiegend Gottesdienste zur „blauen Stunde“ sein, am Abend also. Gottesdienste die aus dem Rahmen des Üblichen fallen, die Ordnung sprengen, quietschen, knirschen. Jazz lebt von der Balance aus Ordnung und Improvisation. Ohne Ordnung des Taktes und der Harmoniefolge würde das gemeinsame Musizieren auseinanderfallen. Ohne Improvisation fehlten spontaner Geist, Ekstase und Introspektion. Man muss die Deutung nicht übertreiben, aber wenn man will, kann man sagen: Am Kreuz Jesu Christi zerbrach die Ordnung dieser Welt. Diese Zerbrechlichkeit bildet sich ab in den „blue notes“ und der „Blue Church“.
Es ist fraglich, ob unsere Welt in Ordnung ist. Die Gründe, die diese Frage aufwerfen, fallen uns vor unsere Füße und über den Bildschirm ins Wohnzimmer. Da ist es richtig, Gottesdienste zu feiern, die diese Fraglichkeit abbilden. Sie werden ihre Fans haben – das hoffe ich! – sie werden aber auch anecken. Das sollen sie! Vielleicht werden wir sie zu beschützen haben vor denen, die die gewohnte Ordnung vermissen. Aber sie werden auch uns beschützen, mit ihrem Geist. Beschützen vor der Illusion, die Welt sei in Ordnung. Musizieren ist ein Verhalten mit transzendenter Tendenz. In den Gottesdiensten der „Blue Church“ werden Menschen über sich hinausgehen und in sich hinein. In der Musik rufen die Kinder Gottes nach der Gegenwart ihres Heils. So sei es. Diese Erfahrungen und noch viel mehr Segen wünsche ich allen, die in der „Blue Church“ musizieren, feiern, singen, sprechen, hören und beten!

Hannover, im Dezember 2017

Pfr. Walter Lüssi

Generalsekretär der Reformierten Kirche des Kantons Zürich, Präsident Plusbildung, Präsident Oikosnet Europe

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Persönlich: Meine erste Jazz-Impfung geschah in Kinder- und Jugendjahren. Geimpft wurde ich mit einer eher seichten, populären Form des Jazz, mit dem Dixieland und dem amerikanischen Jazz im Stile New Orleans. Ich habe als junger Gymnasiast die Chris Barber's Jazzband, die Dutsch Swing College Band und Mister Acker Bilk auf der Bühne erlebt, habe zu Hause Stunden lang ihre Schallplatten gehört und mich als Klarinettist mit klassischer Ausbildung kräftig selber im Dixieland vergnügt. Geschwärmt habe ich vor allem von Benny Goodman. Ich erinnere mich, dass ich einmal endlos den Anfang von Gershwins Rhapsody in Blue geübt habe, die mit einem Glissando der Klarinette über mehr als eine Oktave hinweg beginnt. Die Reaktion meiner genervten Eltern blieb nicht aus: Sie stellten mich vor eine Alternative: Wir bleiben hier, und du gehst mit deiner quälenden Überei irgendwohin. Oder – jetzt in einem leicht freundlicheren Ton – oder spiel doch wieder einmal Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur, aber versuch einmal alles pianissimo! Dank dieser Reaktion meiner Eltern habe ich viel gelernt. Ich habe etwas begriffen über falsche Alternativen. Und ich habe bereits damals intuitiv gespürt, was ich erst dieses Jahr beim Londoner Publizisten David Goodhart in seinem Buch "The Road to Somewhere" gelesen habe. Nämlich dass es eben die Somewheres gibt, die an einem ganz bestimmten Ort ihre Wurzeln geschlagen haben und ihr Territorium – z. B. gegen die Ruhestörung eines jugendlichen Klarinettisten – verteidigen. Und dass es die Anywheres gibt, die mobil sind oder auch sein müssen und die ihren Platz für ihre Performance vornehmlich in anderen Sphären als die des Territorialen finden.

Damit wären wir beim Thema und bei der reformierten Kirche. Der Sprung von dieser persönlichen Erfahrung ist nicht weit: Die Anywheres und die Somewheres prägen auch unsere reformierte Zürcher Kirche. Neben die traditionell territorial orientieren Mitglieder kommen – wenn sie denn noch kommen oder sich mit Kirche verknüpfen lassen – die Anywheres, die mobil, urban und liberal sind. Wir sind daran, in unserer Kirche deutlicher zu erkennen, dass unsere traditionelle Form von Kirchesein, die sich in territorialen Kirchgemeinden organisiert, im Sinne einer Mixed Economy der Ergänzung durch andere Formen von Kirche braucht. Daran arbeiten wir. Dabei ist aber auch klar, dass neue, ich möchte sagen Anywheres-Formen von Kirche, nicht topdown geschaffen und organisiert werden können. Aber wir können unsere Wahrnehmung schärfen, anstossen, aufnehmen, fördern, mit den Verantwortlichen in Kirchgemeinden daran arbeiten, dass Räume entstehen und bespielt werden können und für neue Kirchenorte und neue Formen von Kirchesein schliesslich auch Ressourcen zur Verfügung stehen.

Bluechurch geht darüber hinaus und ist von Anfang an als internationales Netzwerk angelegt. Auch das passt eigentlich gut zu uns Reformierten, die sich gerade mit der Zürcher Reformation vor 500 Jahren einiges einbilden bezüglich deren zumindest europäischen Ausstrahlung. Aber die Einbildung lässt uns manchmal schnell vergessen, dass unsere bottomup organisierte und territorial begrenzte Kirchenlandschaft eine Tendenz zum Provinziellen hat. Und diese Tendenz wird verschärft in einer Zeit, in der wir auf Prognosen aufgrund empirischer Untersuchungen – die Reformierten werden kleiner, älter, ärmer – nur mit ängstlicher Besitzstandwahrung reagieren.

Die Reformierte Kirche des Kantons Zürich hat also mehrfachen Grund, sich an der Entstehung von Bluchurch zu beteiligen. Dabei besteht unsere Investition nicht in erster Linie in einer Anschubfinanzierung, welche zur Schaffung einer virtuellen Plattform geführt hat, die heute vorgestellt wird. Unsere Investition besteht hauptsächlich in einer Person, darin dass Matthias Krieg, einer der Hauptinitianten von Bluechurch als Theologischer Sekretär unserer Kirchenleitung, den Raum bekam oder gewissermassen in Ruhe gelassen wurde, um seine Kreativität, seine Kirchennähe und seine Jazznähe ins Spiel zu bringen. Ich danke ihm für dieses Engagement herzlich und auch allen weiteren Beteiligten. Und ich wünsche Bluechurch einen guten Start und weiterhin viel Talent für mannigfache Improvisationen – somewhere and anywhere.

Zürich, am 16. Dezember 2017
Rede zur Vernissage der Homepage in der Kunsthalle Zürich

Pfr. Dr. Achim Detmers

Generalsekretär des Reformierten Bundes in Deutschland

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In den 80er Jahren habe ich meinen Zivildienst in einem kommunalen Jugendzentrum absolviert. In der Jugendstil-Villa fanden regelmäßig Jazz-Musikveranstaltungen statt. Ich war u. a. für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, und dazu gehörte auch das Kleben und Aufhängen von Plakaten. Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit war Albert Mangelsdorff zu Gast. Als ich die Plakate ausrollte, war dort nur eine Posaune abgebildet, mit der er dann das Konzert solo bestritt.

Mangelsdorff hatte damals gerade mehrere wichtige Auszeichnungen gewonnen. Doch ob das genügen würde, hinreichend Publikum für das Jazz-Konzert eines Soloposaunisten anzuziehen, war unklar. Zur Veranstaltung kamen ca. dreißig Gäste ins Jugendzentrum. Sie waren gespannt, wie ein Solokünstler mit einem doch recht begrenzten Instrument das fast zweistündige Konzert bestreiten würde. Für mich wurde es zu einem denkwürdigen Abend: Wie Mangelsdorff das etwas reservierte Publikum mit seinem Spiel herausforderte und irritierte, ist mir selbst nach mehr als 30 Jahren immer noch in Erinnerung.

Unvergesslich bleibt mir, wie er mit der Mehrstimmigkeit seiner Improvisationen die ZuhörerInnen im Raum zum erweiterten Klangkörper machte, in denen – wie bei mir bis heute – das Buup-Buup-Baba-Buup! nachhallt.

Ich wünsche unserer (evangelischen) Kirche (die gehörig in die Krise geraten ist und viel Energie aufwendet, das nicht merken zu müssen) beständig Freiräume, blaue Kirche zu sein: mit Klängen, die sich nicht als Hintergrund- oder Begleitmusik fortwährender Strukturreformen eignen, die anarchische und dekonstruktivistische Züge aufweisen, die helfen, das unbekannte Bekannte irritierend neu zu hören, mit Klängen, die zum verdichteten Nachhall einer anderen Welt(von)Kirche werden.

Hannover, am 17. Januar 2018